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BaFin – Rede – Pressekonferenz „Risiken im Fokus“, 28. Januar 2026 Es gilt das gesprochene Wort. „Wie lang ist die Küstenlinie Großbritanniens?“ Für den Mathematiker Benoît Mandelbrot ist die Antwort „unendlich“. Denn je näher man heranzoomt, desto verschlungener und länger wird sie. Um dieses Paradoxon zu erklären, entwickelte Mandelbrot die Fraktaltheorie. Ein solches Fraktal ist auch das Titelmotiv unseres diesjährigen Risikoberichts. Für mich als Mathematiker ein treffendes Bild. Und damit heiße ich Sie herzlich willkommen zu unserer Pressekonferenz „Risiken im Fokus“. Wir stellen Ihnen heute die Risiken vor, die aus unserer Sicht die Stabilität des deutschen Finanzsystems am meisten gefährden könnten. Mandelbrot ging der Unberechenbarkeit der Finanzmärkte mithilfe der fraktalen Geometrie auf den Grund. Auf den ersten Blick wirken Finanzrisiken gut modellierbar. Muster wiederholen sich auch hier – wie bei einem Fraktal – aber eben nie exakt gleich. Er zeigte, dass extreme Risiken viel häufiger vorkommen, als es die Modelle abbilden können, und forderte ein besseres Risikomanagement: „Schiffbauer konstruieren nicht nur für die 95 Prozent der Zeit, in der das Wetter mild ist, sondern auch für die übrigen fünf Prozent, in denen Stürme toben und ihre Fähigkeiten auf die Probe gestellt werden. Die heutigen Finanzierer und Anleger sind wie Seefahrer, die keine Wetterwarnungen beachten“, schrieb er 2004. Mandelbrot war, könnte man sagen, der geistige Vater des Stresstests. Wir in der Finanzaufsicht wollen, dass die Schiffe wetterfest gebaut sind und auf Warnsignale reagieren. In einer Welt mit enormen Tail-Risiken ist es wichtiger als je zuvor, nicht nur auf Modelle und historische Durchschnittswerte zu vertrauen, sondern auch Extremszenarien durchzuspielen. In diesem Jahr nehmen wir sechs Finanzmarktrisiken besonders unter die Lupe. Außerdem befassen wir uns mit drei Trends, die den Finanzsektor verändern: Digitalisierung, Nachhaltigkeit und geopolitische Umbrüche. Zum ersten Mal nehmen wir zudem drei Verbraucherrisiken in unseren Bericht auf. Dabei geht es um Risiken, die Verbraucherinnen und Verbraucher eingehen, wenn sie: – Konsumgüter heute kaufen und morgen bezahlen, – unter dem Einfluss sozialer Medien investieren, insbesondere in Krypto-Werte – und wenn sie kapitalbildende Lebensversicherungen abschließen, deren Kosten zu hoch sind. Verbraucherrisiken haben wir bei unserer Aufsichtsarbeit ohnehin im Fokus. Denn der kollektive Verbraucherschutz gehört zu unserem gesetzlichen Auftrag. Ebenso wie die prudenzielle Aufsicht. Beides ist uns gleich wichtig. Beides ist Teil unseres integrierten Aufsichtsansatzes. Und bei beidem müssen wir Prioritäten setzen und gewisse Risiken besonders intensiv angehen. Das spiegelt sich jetzt auch in unseren „Risiken im Fokus“ wider. Lassen Sie uns zunächst einen Blick auf die aktuelle Situation an den Finanzmärkten werfen. Wie schätzen wir die Lage ein? Die Bewertungen an den Aktienmärkten erreichen immer neue Rekorde. Die Risikoaufschläge in den Anleihenmärkten sind niedrig. Und die Reden bei den Neujahresempfängen sind unisono optimistisch. Dennoch wird es nach unseren Erkenntnissen immer wahrscheinlicher, dass die Finanzstabilität einen Härtetest bestehen muss. Das Potential für plötzliche Markt- und Preiskorrekturen ist hoch. Es gibt zweifellos positive Faktoren. Banken und Versicherer sind profitabel und solide kapitalisiert. Positiv für viele Geschäftsmodelle ist auch das stabile normalisierte Zinsumfeld angesichts der gesunkenen Inflationsgefahr – mindestens in der Eurozone. Auch die staatlichen Investitionsimpulse in Deutschland sollten konstruktiv wirken. Es wäre jedoch fahrlässig, wenn wir uns in Sicherheit wiegen. Die Lage an den Finanzmärkten bleibt fragil und unsicher. Es gibt viele exogene Risikotreiber. Internationale Handels- und militärische Konflikte. Die teilweise hohe staatliche Verschuldung wichtiger Industrienationen. Das Potential für Enttäuschungen bei den Fortschritten in der Künstlichen Intelligenz, wovon viele Bewertungen und Wachstumsprognosen abhängen. Es bleibt auch das Risiko, dass die Märkte die Rolle des US-Dollars als globale Leitwährung in Frage stellen. Oder die drastischen Versuche, Institutionen zu politisieren, mit der Folge, dass die internationale Kooperation im Krisenfall möglicherweise nicht wie in der Vergangenheit funktioniert. Die Finanzmärkte sind stark globalisiert. Sie brauchen globale Sicherheitsstandards und globale Zusammenarbeit im Krisenfall. Wir aber leben in einer Welt, die sich immer mehr deglobalisiert. Hinzu kommt der Klimawandel. Und die schwache Konjunktur in Deutschland. Ernsthafte Bedrohungen entstehen auch durch Cyber-Risiken bei gleichzeitig fortschreitender Digitalisierung und durch staatlich gesponserte Sabotageaktionen. Lassen Sie mich diese Gemengelage zusammenfassen. Es gibt Faktoren, die die Stabilität des Finanzsystems fördern. Demgegenüber stehen die stabilitätsbedrohenden Faktoren. Diese sind in den letzten Jahren eindeutig gewachsen. Wenn es in so einer unsicheren Welt beim Marktoptimismus, bei der Risikonahme in privaten Märkten und beim Wachstum von leicht regulierten Vehikeln so weiter geht, dann muss es irgendwann knallen. Schauen wir uns zwei Themen genauer an – aus der Perspektive des Marktes und des Verbraucherschutzes. Zunächst die Kreditrisiken. Die deutsche Wirtschaft steht unter großem Druck. Nach zwei Jahren Rezession und einem minimalen Wachstum von 0,1 Prozent im Jahr 2025. Auch in diesem Jahr deutet wenig auf einen wirtschaftlichen Boom hin. Vor allem die US-Zölle treffen exportstarke Unternehmen hart. Strukturelle Faktoren verschärfen die Lage. Sie kennen die Themen: Die Energiekosten – im internationalen Vergleich weiterhin hoch. Die schwierige Demographie. Der Wettbewerbsdruck aus China – zum Beispiel in der Autobranche. Der enorme Investitionsbedarf für eine klimaneutrale Wirtschaft und funktionierende Infrastruktur. Diese belastenden Faktoren zeigen sich auch in der Zahl der Unternehmensinsolvenzen. So lagen die beantragten Regelinsolvenzen in Deutschland von Januar bis Oktober 2025 bei 20.233. Das ist der höchste Wert seit 2014. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum war ein Anstieg um 10,9 Prozent zu verzeichnen; und gegenüber 2023 sogar ein Anstieg um 37 Prozent. Wir erwarten, dass der Anteil notleidender Kredite bei deutschen Banken weiter zunimmt. Sowohl bei bedeutenden als auch bei weniger bedeutenden Instituten. Angesichts der gestiegenen Risiken haben viele Kreditinstitute ihre Kreditvergabestandards gestrafft und Aufschläge durchgesetzt. Das reduziert die Gefahr aus dem Neugeschäft. Wir werden die Kreditrisiken von Banken und Versicherern auch 2026 intensiv überwachen. Wir analysieren: Welche Unternehmenskredite könnten von einem Konjunktureinbruch oder von geopolitischen Spannungen besonders betroffen sein? Und wir prüfen, ob die Kreditinstitute bei der Kreditvergabe in risikoreiche Branchen ganz genau hinschauen. Dabei wissen wir natürlich auch: Nur auf das traditionelle Kreditgeschäft zu blicken, reicht nicht. Denn Unternehmen besorgen sich Fremdkapital am Kapitalmarkt. Die Schattenbanken gewinnen weiter an Bedeutung: die Non-Bank Financial Intermediaries. Sie sind eng vernetzt – untereinander und mit dem traditionellen Finanzsystem. Ein Beispiel sind Private-Debt-Fonds. Diese Fonds verwalten weltweit ein Vermögen von ungefähr 2,5 Billionen US-Dollar. Ja, das ist im Vergleich zum globalen Finanzsystem noch wenig. Aber der Private-Debt-Sektor wächst stark. Zwischen 2023 und 2024 um etwa zehn Prozent. In Deutschland spielt Private Debt noch keine große Rolle. Die Kreditvergabe deutscher Private-Debt-Fonds beträgt nur circa 0,2 Prozent des Kreditvolumens deutscher Banken. Der Blick auf Deutschland allein reicht jedoch nicht. Denn die Risiken für die Stabilität können jenseits der Grenzen entstehen. BaFin – Rede – Pressekonferenz „Risiken im Fokus“, 28. Januar 2026 Es bedarf keines deutschen Private-Debt-Fonds in Schwierigkeiten, um das deutsche Finanzsystem zu erschüttern. Denn hiesige Finanzunternehmen sind mit ausländischen Private-Debt-Vehikeln verflochten. Sie stellen diesen Kapital zur Verfügung, um ihre Investitionen zu hebeln. Insbesondere Versicherer können Anteile an Private-Debt-Fonds erwerben oder Forderungen gegenüber Unternehmen halten, die Mittel von Private-Debt-Anbietern erhalten haben. Hier lauern Gefahren außerhalb des traditionell regulierten Bankensektors. Sie erinnern sich vielleicht an die Pleiten von «First Brands» und «Tricolor» in den USA im vergangenen Jahr. Diese führten zu erheblichen Abschreibungen bei Kreditfonds und direkten Verlusten einiger großer Banken. Dies beruht auf regulatorischer Arbitrage, wie kürzlich von Jamie Dimon, CEO einer Bank mit starkem Wachstum in der Finanzierung von Nichtbankfinanzierern, erwähnt. Die Verflechtungen zwischen der traditionellen Finanzbranche und Private-Debt-Fonds sind vielfältig. Wir Aufseher, insbesondere die EZB, müssen genau hinschauen. Kreditrisiken können auch Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland direkt betreffen. Eine schwache Konjunktur bedeutet auch eine steigende Gefahr von Überschuldung. Erstmals seit 2018 stieg die Zahl der überschuldeten Verbraucherinnen und Verbraucher wieder an, laut Creditreform im November 2025 auf etwa 5,7 Millionen, was 8 Prozent der Bevölkerung über 18 Jahren entspricht. Verschuldung oder gar Überschuldung können viele Ursachen haben, darunter Konsumentenkredite, die finanziell überfordern. Immer mehr Menschen kaufen Konsumgüter und Dienstleistungen auf Kredit. Kleine Kredite, oft unter 200 Euro, stehen im Mittelpunkt des Geschäfts von «Buy now pay later». Konzerttickets, neue Sneaker oder Kopfhörer – nicht sofort bezahlt, sondern auf Kredit. Oft online, mit nur wenigen Klicks und schnell und bequem. Das Geschäft mit «Buy now pay later» wächst, aber es bedeutet auch «Buy now, owe now». Für einige ist es nur eine nützliche Methode, Zahlungen zu strecken, aber für andere kann es zur Überschuldung führen. Mit einer Umfrage der BaFin im letzten Jahr haben wir uns dieses Geschäft genauer angesehen. Die Umfrage zeigte, dass die einfache Handhabung und niedrige Beträge dazu führen, dass die Möglichkeit, später zu bezahlen, zu Impulskäufen auf Pump verleitet. Das Ergebnis ist, dass manche den Überblick über ihre offenen Rechnungen verlieren. Bei Kleinst- und kurzfristigen Krediten gelten bislang keine Regelungen für Allgemein-Verbraucherdarlehen. Dies führt dazu, dass Zahlungsdienstleister Kredite vergeben, ohne die Kreditwürdigkeit zu prüfen. Diese Lücke im Verbraucherschutz soll Ende 2026 in Deutschland geschlossen werden – mit der Novelle der Verbraucherkreditrichtlinie. Wir werden genau beobachten, ob die Anbieter von «Buy now pay later» die verschärften Regelungen zur Kreditwürdigkeitsprüfung einhalten. Wir sind uns bewusst, dass wir das Risiko einer Überschuldung nicht vollständig verhindern können, aber wir informieren klar und verständlich, um die Finanzkompetenz zu stärken. Lassen Sie uns nun auf ein weiteres Thema eingehen, die Risiken, die aus der Digitalisierung entstehen. Wir bei der BaFin unterstützen Innovationen und neue Geschäftsmodelle. Wir wollen ein starkes Tech-Ökosystem mit technologisch führenden Unternehmen, Spitzenforschung und erfolgreichen FinTechs in Deutschland und Europa aufbauen, da sie das Fundament für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit des Finanzstandorts darstellen. Aber wo Chancen sind, entstehen auch neue Risiken, wie im Stablecoin-Markt. Die Marktkapitalisierung dieser Token stieg im Laufe des Jahres 2025 von rund 200 Milliarden US-Dollar auf über 300 Milliarden US-Dollar. Stablecoins sind an bestimmte Referenzwerte gebunden, um geringere Wertschwankungen als bei anderen Krypto-Token zu erreichen. Investoren müssen sich also auf das Stabilitätsversprechen der Anbieter verlassen können. Aber was passiert, wenn dieses Vertrauen schwindet? Wenn der Preis des Stablecoins vom Zielwert abweicht? Wenn es zu einem längeren De-Peg-Event kommt? Ein Massenausstieg von Investoren aus einem Stablecoin wäre ähnlich wie ein Bankrun. Der Emittent des Stablecoins müsste schnell seine Reserven wie Staatsanleihen liquidieren, was das Risiko von Fire Sales erheblich erhöht. Die Verwerfungen würden nicht nur den Krypto-Markt, sondern auch den traditionellen Finanzmarkt erfassen, und wer sagt, dass es bei einem Stablecoin bleiben würde? Wir lehnen Multi-Issuance bei Stablecoins entschieden ab, da dies die Komplexität erhöht, die Verantwortung verschleiert und das System anfälliger für Vertrauenskrisen macht. Ein weiteres Risiko ist die Geschwindigkeit und Anonymität des Krypto-Marktes, was diese Tokens für Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung attraktiv macht. Der wachsende Krypto-Markt ist ein Einfallstor für Finanzkriminalität. Kryptowerte sind auch bei Kleinanlegern sehr beliebt. Mit wenigen Klicks ist das Geld investiert, oft in Kryptowerte, die kaum verstanden werden. Getrieben vom FOMO-Gefühl, etwas zu verpassen. Das zentrale Verbraucherrisiko liegt genau hier. Die meisten Kryptowerte haben keinen inhärenten Wert und basieren nicht auf einem Unternehmen mit einem funktionierenden Geschäftsmodell und einer Wachstumsstrategie. Große Wertschwankungen innerhalb weniger Tage machen Kryptowerte zu einer hochspekulativen Anlageform. Verbraucher müssen Risiken wie Zugriffsverlust, Phishing und Hacker-Angriffe beachten. Wir möchten niemandem verbieten, ins Casino zu gehen, aber es ist wichtig, sich der Risiken bewusst zu sein. In einer unserer Umfragen haben wir festgestellt, dass Financial Influencer in den sozialen Medien einen starken Einfluss auf die Wahrnehmung von Finanzthemen haben. Mehr als die Hälfte der 18- bis 45-jährigen Anleger hat bereits Informationen von Finfluencern erhalten, und etwa die Hälfte davon hat daraufhin das empfohlene Produkt gekauft. Einige Finfluencer informieren fundiert und seriös, aber es gibt auch Scharlatane und Menschen mit fragwürdigen Motiven, insbesondere im Kryptobereich. Als Aufsicht klären wir Verbraucher über die Risiken von Krypto-Investments auf. 2025 haben wir etwa 100 Warnungen zu unseriösen Chat-Gruppen herausgegeben und werden weiterhin vor dubiosen Krypto-Angeboten warnen. Finfluencer müssen ebenfalls mit unserer Aufsicht rechnen, da sie unter aufsichtsrechtliche Vorgaben fallen, wenn sie Anlagebetrug begehen oder Empfehlungen für Anlagen aussprechen. Zudem gelten für sie die Marktmissbrauchsregeln der MiCAR, einschließlich Verbote von Marktmanipulation und Insiderhandel. Meine Damen und Herren, wir können und wollen den Seegang nicht kontrollieren, aber wir können die Seetüchtigkeit der Schiffe prüfen und sicherstellen, dass sie für die geplante Reise ausreicht. BaFin – Prävention und risikoorientierte Aufsicht für ein stabiles Finanzsystem.