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Strukturelle Herausforderungen für die deutsche Wirtschaft Bevor wir Lösungen diskutieren, sollten wir uns zunächst ein besseres Bild davon machen, wo wir derzeit stehen. Das Wirtschaftswachstum in Deutschland war in den letzten Jahren schwach. Der deutsche Wachstumsmotor begann bereits Ende der 2010er Jahre zu stottern. Ein wesentlicher Grund dafür war der Verlust der Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen auf den internationalen Märkten. In den letzten Jahren spiegelte sich dies in einem erheblichen Rückgang der Exportmarktanteile wider. Laut Schätzungen der Bundesbank ist etwa drei Viertel dieses Rückgangs auf eine verringerte Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen. Dies gilt in zwei Dimensionen: Einige Produkte werden relativ teurer, während andere im Gegensatz dazu nicht so gut abschneiden. Darüber hinaus spezialisieren sich viele deutsche Unternehmen auf Produkte, für die die globale Nachfrage in den letzten Jahren schwach war. Die Automobilindustrie ist ein gutes Beispiel dafür. Demzufolge hat auch die deutsche Exportgütermischung, die seit Jahrzehnten ein Erfolgsrezept war, in letzter Zeit zum Rückgang der Marktanteile beigetragen. China dürfte bei all diesen Entwicklungen eine besondere Rolle gespielt haben. Zum Beispiel zeigt eine kürzlich von der Bundesbank durchgeführte Umfrage unter Unternehmen, dass deutsche Exporteure insbesondere aufgrund ihres chinesischen Wettbewerbs unter Druck geraten sind. Dies steht im Einklang mit der Tatsache, dass Chinas Exportindustrie in den letzten Jahren weiterhin Marktanteile gewonnen hat, getrieben durch gestiegene Wettbewerbsfähigkeit. Der bedeutendste Fortschritt in der Wettbewerbsfähigkeit Chinas ist in den Branchen Elektrotechnik, Automobil- und Maschinenbau zu erkennen. Mit anderen Worten, in Wirtschaftszweigen, in denen Deutschland traditionell besonders stark war. Die Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen spielt auch eine Rolle beim erheblichen Rückgang der Exporte nach China. Allerdings war das schwache Wachstum der chinesischen Wirtschaft in den letzten Jahren wahrscheinlich ebenso relevant. Zwischen 2021 und 2025 fielen die deutschen Exporte nach China um ein Fünftel. Die deutschen Kraftfahrzeugexporte nach China waren besonders stark betroffen. Sie haben sich seit 2021 praktisch halbiert und machen mehr als 60% des Rückgangs der Exporte nach China allein aus. Die Entwicklung der Exporte nach China unterschied sich erheblich von der Entwicklung der Exporte in andere Absatzmärkte. Die Exporte in alle anderen Länder waren seit 2022 zumindest weitgehend stabil. Letztendlich sind gedämpfte Exporte lediglich ein Symptom für grundlegendere Probleme. Im Allgemeinen wächst die deutsche Wirtschaft nicht mehr so wie früher. Dies spiegelt sich nicht zuletzt in einem starken Rückgang des Potenzialwachstums seit Anfang der 2020er Jahre wider. Zwischen 1999 und 2019 stieg das Potenzialwachstum noch signifikant um mehr als 1% pro Jahr. Seit Beginn der Coronavirus-Pandemie ist es jedoch bereits deutlich unter 1% gefallen. Unsere Experten erwarten in den nächsten Jahren eine jährliche Potenzialwachstumsrate von nur etwa 0,4%. Diese Zahl ist ein Warnsignal. Was genau steckt hinter diesem Rückgang und welche Maßnahmen wären angemessen, um das Potenzialwachstum wieder anzukurbeln? Diese Fragen möchte ich nun im Detail behandeln. Strukturelle Herausforderungen für die deutsche Wirtschaft Die positiven Beiträge, die bisher geleistet wurden, reichen jedoch wahrscheinlich nicht aus, um den demografischen Rückgang auszugleichen. Die potenzielle Arbeitskräfte wird voraussichtlich in Zukunft schrumpfen, was das potenzielle Output schwächen wird. Diese Prognose basiert auf den derzeit absehbaren politischen Maßnahmen. Wenn die politischen Entscheidungsträger jedoch die richtigen Hebel betätigen, können wir die Dinge natürlich ändern. Was muss also konkret getan werden? Deutschland sollte alles in seiner Macht Stehende tun, um das Arbeitsangebot zu erhöhen. Eine Möglichkeit dafür ist es, Teilzeitarbeitnehmern, die oft ihre Arbeitsstunden erhöhen möchten, dies zu ermöglichen. Dies gilt insbesondere für Frauen. Die jährlich gearbeiteten Stunden pro Arbeitnehmer in Deutschland sind im Vergleich zu anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften niedrig. Ein Grund dafür sind finanzielle Anreize in Form von Steuern, Sozialabgaben und Transferleistungen, die zusätzliche Arbeit oft weniger attraktiv machen. Ein weiteres großes Hindernis ist die unzureichende Versorgung von Kindern und älteren Menschen. Ein zuverlässigeres Angebot an Betreuungseinrichtungen, längere Öffnungszeiten und eine größere Flexibilität könnten das Arbeitsangebot erhöhen. Deutschland benötigt auch eine stärker am Arbeitsmarkt orientierte Zuwanderung. Das reformierte Fachkräfteeinwanderungsgesetz bietet hier Möglichkeiten. Die aktuellen Verfahren sind jedoch immer noch zu langsam und zu komplex. Ein «Arbeiten und Bleiben» Ansatz, der eine schnellere digitale Bearbeitung, eine einfachere Anerkennung von Qualifikationen und eine bessere Integration beinhaltet, wäre hilfreich. Die Pläne der Bundesregierung in diesem Bereich, die Teil ihrer Modernisierungsagenda sind, sind daher ausdrücklich zu begrüßen. Sprachkurse und das Recht auf Aufenthalt für Familienmitglieder könnten auch dafür sorgen, dass Fachkräfte dauerhaft in Deutschland bleiben. Denn in der aktuellen Situation verlassen viele Zuwanderer aus anderen EU-Ländern Deutschland wieder innerhalb von zwei Jahren. Darüber hinaus sollte Deutschland das Potenzial älterer Arbeitnehmer voll ausschöpfen. Es wäre logisch, das frühestmögliche Rentenalter – und dann das gesetzliche Rentenalter nach 2031 – an die Lebenserwartung zu koppeln. Wenn außerdem die Möglichkeit, nach 45 Beitragsjahren ohne Abschläge in Frührente zu gehen, nicht mehr bestünde, hätten deutlich weniger Menschen einen Anreiz, frühzeitig in Rente zu gehen. Zusammen würden diese Maßnahmen den Arbeitskräftemangel verringern und das potenzielle Wachstum stärken. Sie würden auch die Finanzierung des Rentensystems stärken. Aber ein erhöhtes Arbeitsangebot allein reicht nicht aus. Der zweite Faktor für ein höheres potenzielles Wachstum ist der Kapitaleinsatz, oder mit anderen Worten, wie viel investiert wird. Auch hier ist dringendes Handeln erforderlich. Seit 2019 ist ein spürbarer Rückgang der preisbereinigten Bruttoanlageinvestitionen in der Gesamtwirtschaft zu verzeichnen. Der Unternehmenssektor verzeichnete einen vergleichsweise starken Rückgang der Investitionen, insbesondere in Maschinen und Ausrüstungen. Darüber hinaus ist die Bauinvestition seit dem Ende des deutschen Immobilienpreisbooms erheblich zurückgegangen. Nur die staatlichen Investitionen haben seit 2019 zugenommen. Abzüglich Abschreibungen, Abschreibungen und Wertminderungen war die Sachinvestition 2024 und 2025 erstmals seit der Wiedervereinigung negativ. Das heißt, Deutschland greift auf seinen Kapitalbestand zurück. Wie lässt sich diese Entwicklung erklären? In Unternehmensumfragen wird die Bürokratie am häufigsten als bedeutende Herausforderung und als Hindernis für Investitionen genannt. Die Kosten der Bürokratie sind gestiegen. Verschiedene Studien bestätigen dies. Laut dem ifo Institut kostet die übermäßige Bürokratie Deutschland beinahe 150 Milliarden Euro pro Jahr an verlorenem wirtschaftlichem Output, oder mehr als 3% des BIP. Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigen, dass Unternehmen in den letzten drei Jahren rund 325.000 zusätzliche Mitarbeiter einstellen mussten, um neuen Vorschriften zu entsprechen. In einer Zeit, in der Fachkräfte knapp sind, bindet dies Mitarbeiter, die anderweitig produktiv eingesetzt werden könnten. Daten der Europäischen Investitionsbank zeigen, dass Unternehmen in Deutschland im europäischen Vergleich besonders unter zu zahlreichen und zu komplexen Regeln leiden. Die Studie identifiziert den Anteil der Unternehmen, die die Regulierung des Unternehmenssektors und Steuern als Hindernisse für Investitionen betrachten. In Deutschland stieg dieser Anteil zwischen 2022 und 2025 von deutlich unter 30% auf knapp unter 50%. Im Vergleich dazu stieg der Anteil in der EU insgesamt weniger stark, von 25% auf 34%. Unnötiger bürokratischer Aufwand muss dringend reduziert werden, damit Investitionen in Deutschland wieder steigen können. Die Reforminitiativen der Bundesregierung zur Reduzierung der Bürokratie und Beschleunigung der Verwaltungsprozesse sind ein Schritt in die richtige Richtung. Jetzt ist es entscheidend, sich zur Umsetzung dieser Initiativen zu verpflichten. Aber selbst große Investitionen können nur dann wirklich Auswirkungen haben, wenn Arbeit und Kapital produktiv eingesetzt werden. Das bringt mich zum dritten Faktor: der Gesamtfaktorproduktivität. Die Gesamtfaktorproduktivität misst, wie effizient die Produktionsfaktoren eingesetzt werden. Ihre Entwicklung wird insbesondere durch den technologischen Fortschritt beeinflusst. In Deutschland ist das Wachstum der Gesamtfaktorproduktivität in letzter Zeit außergewöhnlich schwach gewesen, im Durchschnitt nur 0,2% in den letzten fünf Jahren. In den 2010er Jahren betrug es im Durchschnitt 0,5% pro Jahr. Was steckt hinter diesem Rückgang des deutschen Produktivitätswachstums? Ein Grund für das schwache Produktivitätswachstum sind die großen regulatorischen Belastungen, die ich bereits erwähnt habe. Ein weiterer Grund könnte sein, dass ein Großteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung im deutschen Mitteltechnologiesektor stattfindet. Der Mitteltechnologiesektor umfasst Branchen mit mittlerer Forschungsintensität, die eine starke industrielle Basis in Deutschland bilden. Dies umfasst beispielsweise die Automobilindustrie. Bei Investitionen in den Hochtechnologiesektor hinkt Deutschland jedoch deutlich hinterher. Hier liegt das Problem: Der Hochtechnologiesektor ist größtenteils innovativer und trägt somit stärker zur Produktivität bei. Strukturelle Herausforderungen für die deutsche Wirtschaft Neben der oben genannten Reduzierung von Bürokratie sollten die politischen Entscheidungsträger prüfen, wie sie bessere Bedingungen für Innovationen im High-Tech-Sektor schaffen können. Die aktuellen Pläne der Bundesregierung für mehr Forschung und Entwicklung sowie bessere Bedingungen für Start-ups sind grundsätzlich zu begrüßen und sollten rasch umgesetzt werden. Dazu gehört zum Beispiel ein One-Stop-Shop für schnelle Unternehmensgründungen. Gleichzeitig sind weitere Maßnahmen erforderlich. Die Schaffung besserer Finanzierungsmöglichkeiten für Start-ups durch Vertiefung der Europäischen Kapitalmarktunion wäre eine solche Maßnahme. Darüber hinaus könnten Steueranreize für Investitionen in Start-ups und Risikokapitalfonds unter bestimmten Umständen sinnvoll sein. Es wäre wichtig sicherzustellen, dass sie wirksam sind. Dies könnte beispielsweise durch Begrenzung der Steuervorteile und Gewährung nur bei Einhaltung einer Mindesthaltefrist erfolgen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Deutschland vor großen Herausforderungen steht, die alle drei Wachstumsfaktoren betreffen. Oder anders ausgedrückt: Es kann keinen nachhaltigen Wohlstand ohne mehr Arbeit, mehr Investitionen und mehr Produktivität geben. Dennoch gibt es auch positive Entwicklungen, die wir nicht aus den Augen verlieren sollten und die ermutigend sind. Ich möchte meine Rede abschließen, indem ich kurz auf zwei dieser Hoffnungsschimmer eingehe. Ein erster Hoffnungsschimmer ist, dass die Gründung von Unternehmen seit 2019 erheblich zugenommen hat – wenn auch von einem niedrigen Niveau aus. Im Jahr 2025 lagen sie ungefähr auf dem Niveau der frühen bis mittleren 2010er Jahre. Es ist wichtig anzumerken, dass viele Start-ups im vergangenen Jahr in den Bereichen Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) und geschäftsbezogene Dienstleistungen tätig waren. Unternehmen in diesen Bereichen haben oft ein großes Innovationspotenzial. Analysen der Bundesbank zeigen, dass Effizienzsteigerungen in den digitalen Sektoren ein wesentlicher Treiber des aggregierten Produktivitätswachstums in Deutschland waren. Wenn sich diese jüngsten Entwicklungen stabilisieren, könnte dies das Produktivitätswachstum mittelfristig unterstützen. Ein zweiter Hoffnungsschimmer ist der Einsatz künstlicher Intelligenz (KI). Um das Potenzial von KI zu realisieren, ist es entscheidend, dass Unternehmen diese Technologie breit und intensiv einsetzen. Wie sieht es in Deutschland aus? Diese Frage ist Gegenstand einer kürzlich durchgeführten Studie auf Basis des Bundesbank Online Panels – Unternehmen (BOP-U). Die Umfrage zeigt, dass der Einsatz von generativer KI in deutschen Unternehmen in den letzten Jahren signifikant zugenommen hat. Sowohl die Anzahl der Nutzer als auch die Intensität des Einsatzes haben zugenommen. Lassen Sie mich einige Zahlen nennen, die dies unterstützen. Der Anteil der Unternehmen, die generative KI nutzen oder nutzen wollen, stieg von 26 % im Jahr 2024 auf erwartete 56 % im Jahr 2026. Gleichzeitig erwarten Unternehmen, dass der Anteil der Arbeitsstunden, in denen generative KI eingesetzt wird, von 7,5 % im Jahr 2024 auf rund 8,9 % im Jahr 2026 steigen wird. Die Übernahme ist besonders weit verbreitet in den Dienstleistungssektoren. Dies unterstreicht das Potenzial des breiten Einsatzes der Technologie. Was uns Grund zur Hoffnung gibt, ist, dass die überwiegende Mehrheit der Unternehmen, die generative KI einsetzen, spürbare Produktivitätssteigerungen erwartet. Für 2025 und 2026 erwarten mehr als 50 % der Unternehmen, die generative KI nutzen, eine damit verbundene Zunahme der Arbeitsproduktivität von mindestens 2 %. Rund ein Viertel erwartet sogar ein Wachstum von 5 % oder mehr. Obwohl diese Einschätzungen keine Prognose für die Gesamtwirtschaft darstellen, sind sie mit dem vorherrschenden Optimismus hinsichtlich des Wachstumspotenzials von generativer KI in der makroökonomischen Literatur vereinbar. Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass Deutschland erheblichen Herausforderungen gegenübersteht. Um unseren Wohlstand langfristig abzusichern, sind Reformen in vielen Bereichen erforderlich: Stärkung des potenziellen Arbeitskräfteangebots, bessere Bedingungen für Investitionen und größere Unterstützung für Innovationen. Dennoch sollten wir optimistisch in die Zukunft blicken. Denn neben all diesen Herausforderungen haben wir auch Grund zur Hoffnung: Es gibt mehr Unternehmensgründungen, mehr Unternehmen, die KI einsetzen, und mehr Unternehmen, die KI intensiver nutzen. Abschließend möchte ich kurz darauf eingehen, was wir als Zentralbanken tun können. Eine Sache ist klar: Die Geldpolitik des Eurosystems kann die strukturellen Herausforderungen Deutschlands nicht lösen. Sie kann jedoch Reformbemühungen durch ein stabiles makroökonomisches Umfeld erleichtern. Der Rat der Europäischen Zentralbank hat bei seinem letzten Treffen Ende April 2026 die Leitzinsen unverändert gelassen. Die mittelfristigen Auswirkungen des Iran-Krieges auf die Inflationsrate sind schwer abzuschätzen. Die abwartende Haltung des Rates ist ein Weg, um einen klareren Überblick über die Entwicklungen zu gewinnen. Der Rat ist sich jedoch der zunehmenden Risiken für die Preisstabilität bewusst und bleibt sehr wachsam. Wir werden alles Notwendige tun, um zu verhindern, dass preistreibende Energiepreise sich verbreiten und festsetzen. Und jetzt freue ich mich darauf, dieses Thema mit Ihnen zu diskutieren. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Strukturelle Herausforderungen für die deutsche Wirtschaft